Flores am Rand Europas
Der Geruch von feuchtem Torf und Salz schlug mir in dem Moment entgegen, als die SATA Dash 8 Turboprop auf der kurzen Landebahn von Santa Cruz aufsetzte. Hier gibt es keine gefilterte Luft. Man steigt aus dem Flugzeug und spürt sofort die schwere Feuchtigkeit des Atlantiks. Meine Stiefel waren noch schlammig von einer Woche auf São Jorge, und keine zehn Minuten nach dem Marsch zum kleinen Terminal wurde aus leichtem Nieselregen ein waagerechter Wolkenbruch. Das ist Flores auf den Punkt gebracht. Die Insel schert sich nicht um deinen Zeitplan oder deine trockene Kleidung. Sie ist schroff, laut vom Tosen der Wasserfälle und völlig gleichgültig gegenüber dem Tourismus.
Inselcharakter und für wen er sich eignet
Flores ist die Endstation. Es ist der westlichste Punkt der europäischen Kontinentalplatte, und genau so fühlt es sich an. Die Atmosphäre ist schwer, grün und vertikal. Wer weiße Sandstrände sucht, an denen Kellner Drinks unter dem Sonnenschirm servieren, ist hier falsch. Diese Insel ist für Leute, die wandern wollen, bis die Knie zittern, die in eiskalten Wasserbecken schwimmen und das essen, was die lokale Tasca am Morgen gerade gekocht hat.
Für wen es ist: Hardcore-Wanderer, Alleinreisende, die die Einsamkeit schätzen, und jeder, der einen 125er Roller einem Tourbus vorzieht. Wer es lassen sollte: Reisende, die berechenbares Wetter, High-End-Nachtleben oder Luxus-Shopping brauchen. Wer schlechte Laune bekommt, wenn ein Flug wegen Nebels gestrichen wird, sollte auf dem Festland bleiben.
Saisonaler Rhythmus und die beste Reisezeit
Das Wetter ist hier der Chef.
- Juni bis August: Das ist das Zeitfenster. Die Hortensien – die man überall sieht – stehen in voller blauer Blüte. Der Atlantik ist ruhig genug, damit die Fähre von Corvo zuverlässig verkehrt.
- September bis Oktober: Meine Lieblingszeit. Die Massen (sofern man davon sprechen kann) werden weniger und das Wasser ist mit etwa 22°C am wärmsten. Man wird zwar immer noch nass geregnet, aber es ist ein warmer Regen.
- Winter: Totale Isolation. Viele Pensionen schließen und der Wind kann 100 km/h erreichen. Das ist roh und einsam, nur etwas für wirklich Hartgesottene.
Unverzichtbare Küstenorte und Wegmarken
Vergiss die manikürten Aussichtspunkte. Such dir das echte Zeug.
- Poço da Alagoinha: Auch bekannt als Poço das Alagoinhas. Eine Felswand, an der etwa zwanzig Wasserfälle in eine Lagune stürzen. Mach nicht nur ein Foto und verschwinde; setz dich eine Stunde hin und hör dem Wasser zu.
- Fajã Grande: Das westlichste Dorf Europas. Die Klippen dahinter sind gewaltig. Am Ende der Straße gibt es eine Badestelle, wo der Atlantik gegen den schwarzen Vulkanfels donnert.
- Rocha dos Bordões: Riesige vertikale Basaltsäulen, die wie eine gigantische Orgel aussehen. Sie liegen direkt an der Hauptstraße, man muss also nicht einmal wandern, um sie zu sehen.
- Poço do Bacalhau: Ein 90 Meter hoher Wasserfall direkt in Fajã Grande. Man kann im Becken am Fuß schwimmen, aber das Wasser macht einen schneller wach als ein doppelter Espresso.
Fährverbindungen und Anreise
Hierher zu kommen ist eine Tortur, was die Massen fernhält.
- Flüge: SATA Air Açores fliegt täglich von Ponta Delgada (São Miguel) und Horta (Faial). Das sind kleine Maschinen, die schnell ausgebucht sind. Monate im Voraus buchen.
- Fähren: Atlanticoline betreibt im Sommer die “Gelbe Linie”, die Flores mit Corvo und gelegentlich der Zentralgruppe verbindet. Aber Vorsicht: Die Überfahrt von Faial nach Flores dauert etwa 8 bis 10 Stunden und die See ist oft unruhig. Die meisten Leute fliegen.
- Tagesausflug nach Corvo: Nimm ein kleines Zodiac-Boot von Santa Cruz oder Lajes. Es kostet etwa 50 EUR für Hin- und Rückfahrt und ist die einzige Möglichkeit, die kleinste Insel des Archipels zu sehen.
Transport vor Ort
Verlass dich nicht auf den Bus. Der Fahrplan ist für Schulkinder und Einheimische gemacht, nicht für Wanderer.
- Mietwagen: Es gibt nur wenige Agenturen (wie Autatlantis oder Ilha Verde). Wer kein Auto sechs Monate im Voraus reserviert, bekommt keines.
- Roller: Ich habe mir einen 125er Roller für etwa 35 EUR am Tag gemietet. Das ist der beste Weg, um die schmalen, kurvigen Straßen zu befahren, aber achte auf die Kühe. Denen gehört hier die Straße.
- Wandern: Viele Wege sind Streckenwanderungen. Du musst ein Taxi organisieren, das dich zum Start bringt. Eine Fahrt von Fajã Grande zurück zu den Seen kostet etwa 15 bis 20 EUR.
Die Wahl der Basis
- Fajã Grande: Hier willst du sein. Es gibt die besten Sonnenuntergänge, die dramatischsten Klippen und ein paar gute Lokale wie das Maresia.
- Santa Cruz das Flores: Praktisch, weil es in der Nähe des Flughafens und des einzigen echten Supermarkts liegt. Gut für die erste Nacht, aber es fehlt die Dramatik der Westküste.
- Lajes das Flores: Der Haupthafen. Ruhig und authentisch, aber etwas weit weg von den besten Wanderwegen.
Lokale Gastronomie und Abendgestaltung
Essen ist günstig und unprätentiös.
- Was man essen sollte: Probier Morcela com inhame (Blutwurst mit Yamswurzel) oder den lokalen Käse, der scharf und hart ist. Frischer Fisch wie Veja (Papageifisch) ist ein Grundnahrungsmittel.
- Kosten: Eine Mahlzeit in einer lokalen Taverne kostet inklusive Wein zwischen 12 und 18 EUR. Ein Kaffee kostet etwa 0,80 EUR.
- Nachtleben: Nicht vorhanden. Dein Nachtleben besteht darin, den Sonnenuntergang in Fajã Grande mit einem Super Bock Bier von der lokalen Snackbar zu beobachten.
Überlebenstipps für die Praxis
- Bargeld: Nimm genug mit. Kleine Cafés in Dörfern wie Ponta Delgada (das auf Flores, nicht São Miguel) nehmen keine Karten. Geldautomaten gibt es in Santa Cruz und Lajes.
- Konnektivität: 4G ist in den Städten überraschend gut, aber rechne mit null Signal, sobald du in die Fajãs absteigst oder zu den Seen im Landesinneren wanderst.
- Wasser: Leitungswasser ist sicher und schmeckt besser als das Zeug aus der Flasche.
- Ausrüstung: Bring eine hochwertige Regenjacke mit. Kein billiges Poncho-Ding – eine echte Gore-Tex-Schale. Das Wetter ändert sich alle zehn Minuten.
Geheimwege gegen überlaufene Orte
- Überbewertet: Der Hauptaussichtspunkt für die sieben Seen (Sete Lagoas) kann voll werden, wenn ein Tourbus vorfährt. Warte zehn Minuten; die verschwinden immer schnell wieder.
- Echte Einsamkeit: Wandere den Weg von Ponta Delgada nach Fajã Grande (PR1 FLO). Es ist ein anstrengender 13 km langer Trek entlang der Nordklippen. Ich habe vier Stunden lang keinen einzigen anderen Menschen gesehen. Man kommt durch verlassene Steindörfer und hat den gesamten Ozean für sich allein. Es ist das isolierteste Gefühl, das ich seit Jahren hatte, und es war perfekt.