Die lange Fähre nach Vis
Die Dieselabgase der Jadrolinija-Fähre schlugen mir entgegen, noch bevor wir die Hafenmauer von Split hinter uns gelassen hatten. Es ist eine zweieinhalbstündige Fahrt hinaus nach Vis, und genau diese Distanz ist der Grund, warum die hektischen Tagestouristen die Insel meistens auslassen. Als die grauen Kalksteinfelsen endlich aus der Adria ragten, war ich mit Salzwasser besprüht und bereit, meinen Rucksack gegen einen abgeranzten Motorroller einzutauschen. Es gibt hier keine riesigen Resorts, nur jede Menge scharfe Felsen, kalten Wein und die Art von Ruhe, die man nur auf einer Insel findet, die vierzig Jahre lang für die Außenwelt gesperrt war.
Inselcharakter und für wen sie sich eignet
Vis ist die am weitesten vom kroatischen Festland entfernte bewohnte Insel, und das spürt man. Da sie bis 1989 ein jugoslawischer Militärstützpunkt war, blieb ihr die Welle hässlicher Betonhotels erspart, die andere Teile der Küste ruiniert hat. Die Atmosphäre ist roh und zweckmäßig. Man sieht alte Männer in den Häfen Netze flicken und bröckelnde Steinhäuser, die noch niemand in Luxusvillen umgewandelt hat.
Für wen sie ist: Für Solo-Reisende, die sich eine 125er Vespa mieten und auf einer Schotterpiste verschwinden wollen. Für Wanderer, denen steile, dornige Pfade nichts ausmachen, und für jeden, der ein kaltes Bier am Kai einem Dreißig-Euro-Cocktail im Beach Club vorzieht.
Wer sie meiden sollte: Wenn du einen Sandstrand mit Sonnenschirm-Service brauchst, bleib in Split oder fahr nach Bol. Wenn du auf High-End-Nachtleben und VIP-Tische aus bist, wirst du dich zu Tode langweilen. Auf Vis gehen die Lichter früh aus, und das Gelände ist unerbittlich, wenn man nicht bereit ist zu schwitzen.
Saisonaler Rhythmus und die beste Reisezeit
Ich kam Ende September an, was genau der richtige Zeitpunkt ist. Die Adria ist noch warm genug zum Schwimmen, aber die erstickende Hitze von Juli und August ist vorbei.
- Mai bis Juni: Die Insel ist grün, die Wildblumen blühen und die Wanderwege sind machbar. Das Wasser ist erfrischend, aber es sind kaum Leute da.
- Juli bis August: Meide diese Zeit, wenn möglich. Die Yachten rücken an, die Preise in den Tavernen (Konobas) schießen in die Höhe und die Sonne röstet dich auf den ungeschützten Kalksteinpfaden.
- September bis Oktober: Das ist die beste Zeit. Die Weinlese läuft, das Meer ist warm wie eine Badewanne und man bekommt in Komiža tatsächlich einen Tisch in einem guten Laden ohne Reservierung.
Unverzichtbare Küstenorte und Sehenswürdigkeiten
Stiniva-Bucht: Du hast die Fotos gesehen. Ein schmaler Durchlass zwischen zwei massiven Klippen. Die Realität sieht so aus: Der Abstieg ist eine steile, rutschige Angelegenheit aus losem Geröll. Mach das nicht in Flip-Flops. Wenn du nach 10:00 Uhr morgens ankommst, ist die Bucht voll mit Ausflugsbooten aus Hvar. Geh um 7:00 Uhr hin oder lass es ganz bleiben.
Srebrna-Strand: Mein persönlicher Favorit. Der Name bedeutet Silberstrand, benannt nach den riesigen, flachen weißen Kieseln, die unter Wasser leuchten. Es gibt keine Bar, keine Musik und genug Platz, um sich eine eigene Felsplatte zu suchen.
Die Militärtunnel: Man kann eine geführte Tour buchen, aber ich habe es vorgezogen, auf eigene Faust am Rand des alten U-Boot-Bunkers in Parja herumzustöbern. Es ist ein gewaltiges Betonloch, das in die Seite einer Klippe geschlagen wurde. Es ist unheimlich, kalt und eine Erinnerung daran, dass diese Insel eine Festung war, lange bevor sie zum Urlaubsziel wurde.
Berg Hum: Der höchste Punkt der Insel. Man kann mit dem Roller fast bis ganz nach oben fahren, aber der letzte Fußweg zur kleinen Kapelle Sveti Duh bietet den Blick über das gesamte Archipel. An klaren Tagen sieht man bis nach Italien.
Fährverbindungen und Anreise
Der Weg führt über Split. Es gibt keine andere Option.
- Jadrolinija: Das ist die staatliche Linie. Die Autofähre ist langsam, hat aber ein Deck, auf dem man tatsächlich atmen kann. Ein Ticket für Fußgänger kostet etwa 8 Euro.
- Krilo: Die schnellen Katamarane. Die Fahrt dauert etwa 90 Minuten, aber man ist in einer klimatisierten Kabine ohne Zugang nach draußen eingesperrt.
- Der Hafen: In Split legen die Fähren am Gat Sv. Duje ab. Kauf die Tickets online oder am Kiosk bei den Gleisen, aber sei im Sommer früh da, sonst stehst du die gesamte Überfahrt.
Transport vor Ort
Spar dir das Auto. Die Straßen in Vis-Stadt und Komiža wurden für Esel gebaut, nicht für SUVs.
- Roller: Die einzige Art, die Insel wirklich zu sehen. Miet dir eine 125er, wenn du den Führerschein hast; die Hügel sind zu steil, als dass eine 50er sie mit Würde bewältigen könnte. Rechne mit etwa 30 bis 40 Euro pro Tag.
- Fahrräder: Nur für Masochisten. Die Insel ist ein einziger großer Berg.
- Der Bus: Es gibt einen lokalen Bus, der auf die Ankunft der Fähren abgestimmt ist und zwischen Vis-Stadt und Komiža pendelt. Er ist billig und zuverlässig, bringt dich aber nicht zu den abgelegenen Buchten.
Die Wahl des Standorts
Vis-Stadt: Hier spuckt dich die Fähre aus. Es ist etwas eleganter, mit langen Steinmauern und ein paar guten Weinbars. Gut, wenn man schnellen Zugang zum Festland will oder die Ostseite der Insel erkunden möchte.
Komiža: Auf der gegenüberliegenden Seite der Insel gelegen, ist dies ein echtes Fischerdorf. Es ist rauer, authentischer und hat den besseren Sonnenuntergang. Die Häuser sind direkt ans Wasser gequetscht. Wenn du das Gefühl haben willst, der Welt entflohen zu sein, bleib hier.
Dörfer im Hinterland: Orte wie Podšpilje oder Marine Zemlje sind großartig, wenn man in einem alten Steinhaus umgeben von Weinbergen wohnen will. Man braucht eigene Räder, aber die Stille in der Nacht ist es wert.
Lokale Gastronomie und Abendrhythmus
Beim Essen geht es hier darum, was das Meer am Morgen hergegeben hat.
- Pogača od Viša: Das musst du probieren. Ein dicker, salziger Hefekuchen gefüllt mit Sardinen, Zwiebeln und Kapern. Der ultimative Treibstoff für Backpacker.
- Vugava: Der lokale Weißwein. Er ist schwer, honigfarben und haut rein wie ein Ziegelstein, wenn man ihn in der Sonne trinkt.
- Preise: Ein Essen in einer ordentlichen Konoba kostet zwischen 20 und 30 Euro. Es ist nicht billig, aber die Qualität des Olivenöls und des Fischs ist erstklassig.
- Wasser: Das Leitungswasser auf Vis ist überraschend gut. Es stammt aus einer unterirdischen vulkanischen Quelle. Füll deine Flasche auf und spar dir das Plastik.
Praktische Überlebenstipps
- Bargeld: Während die größeren Restaurants in Vis-Stadt Karten akzeptieren, wollen die kleinen Konobas und Rollerverleiher oft Euro in bar. Es gibt genug Geldautomaten in beiden Hauptorten, aber am Wochenende sind sie oft leergeräumt.
- Verbindung: 4G ist in den Städten stabil, aber sobald man in eine Bucht wie Pritišćina abtaucht, ist man offline.
- Rhythmus: Am Nachmittag schließt alles für ein paar Stunden. Geh früh wandern, such dir für die Mittagshitze eine Bucht und erwarte kein Abendessen vor 20:00 Uhr.
Geheime Fluchtpunkte vs. überlaufene Orte
Überbewertet: Die Blaue Grotte (Modra Špilja) auf Biševo. Man verbringt zwei Stunden in einer Schlange aus Touristenbooten, um fünf Minuten in einer Höhle zu sein. Es ist schön, aber der kommerzielle Zirkus macht es kaputt.
Geheimtipp: Fahr an die Südküste und such nach den Ziegenpfaden, die hinunter nach Pritišćina führen. Es ist eine der kleinsten Buchten der Insel, kaum groß genug für zwei Häuser und ein paar Fischerboote. Wenn du an einem Dienstagmorgen dort bist, hast du das klarste Wasser der Adria wahrscheinlich für dich allein. Oder lass die Strände links liegen und wandere den Pfad von Komiža zur Kirche Sveti Blaž. Es ist ein rauer Marsch durch die Macchia, auf dem du keiner einzigen Reisegruppe begegnen wirst.